HOME

AKTUELL

COMMUNICARE

SKULPTUREN

SL-DRUCKE

BIOGRAFIE

AUSSTELLUNGEN

PRESSE

KONTAKT

LINK

 

Norbert Jäger   BILDHAUER

Bergedorfer Zeitung (17.8.2014)

Auf der ganzen Welt gefragt

Norbert Jäger: Bergedorfer Bildhauer hat vollen Terminplan - und große Projekte Von Ulf-Peter Busse

Norbert Jäger genießt das Künstlerleben. Für den Bergedorfer Bildhauer ist heute Wirklichkeit, wovon viele Kollegen nur träumen. Der 47-Jährige erhält Einladungen aus der ganzen Welt, arbeitet mal auf Mallorca, mal an der Mittelmeerküste der Türkei oder auch auf Teneriffa.

Gerade erst hat Jäger ein Seminar in Seattle an der amerikanischen Westküste geleitet - und anschließend drei Wochen lang den Nord-Westen der USA erkundet. An diesem Wochenende unterrichtet er die zehn Teilnehmer seines Seminars "Der Weg zur inneren Skulptur" im Kloster Nütschau. Anschließend arbeitet er für ein Lübecker Kunst-Projekt, dann stellt er eine seiner gewichtigen Skulpturen im Außengelände des Ernst-Barlach-Museums in Güstrow auf.

"Es läuft sehr gut in diesem Jahr", sagt Jäger, der als Steinbildhauer auf der ganzen Welt einen guten Ruf hat. "Bei internationalen Workshops bewerben sich gewöhnlich bis zu 300 professionelle Künstlerkollegen um sechs bis zehn Plätze. Ich hatte häufig das Glück, ausgewählt zu werden", gibt sich der Bergedorfer bescheiden.

Tatsächlich spricht die Hochkarätigkeit seiner internationalen Einladungen eine andere Sprache. Besonders stolz ist Norbert Jäger auf das Bildhauer-Symposium im türkischen Iskenderun vor zwei Monaten. Mehrere Wochen arbeiteten elf Bildhauer im Auftrag der Stadt an diversen Skulpturen in einem Park direkt am Mittelmeer. Jäger schuf mit Hammer, Meißel und Winkelschleifer zwei Werke, darunter die größte Skulptur, die er je bearbeitet hat: "Es ist ein 3,50 Meter hoher und acht Tonnen schwerer schwarzer Marmor. Den Entwurf dafür hatte ich schon seit Jahren in der Tasche, aber so etwas lässt sich nur ganz selten realisieren", sagt der Künstler, der seit zehn Jahren in Bergedorf wohnt und hier Ateliers im Rathauspark und in Kirchwerder hat.

Trotz der viele internationalen Aufträge - Jäger stellt jetzt sogar Werke in einer Galerie in Seattle aus - will er Bergedorf treu bleiben: "Hier habe ich viele Kontakte und beste Arbeitsbedingungen", sagt er und plant für das erste Adventwochenende bereits sein traditionelles offenes Atelier im Schlosspark.

Vorher stehen noch mehrere Arbeitsaufenthalte auf Mallorca und im Oktober ein Marmor-Workshop im italienischen Carrara auf dem Programm. Dort sind sogar noch zwei Plätze für Hobbykünstler frei (www.nj-art.de).

Wer Jägers Werke in diesen Tagen bewundern will, hat dazu in Blankenese Gelegenheit: Noch bis zum 1. September läuft seine Gemeinschaftsausstellung mit den Künstler-Kollegen Elena Steinke und Marco Flierl in der Elbgalerie Winter an der Kösterbergstraße 82. Zum offenen Atelier gibt es wieder Jäger-Werke im Kleinformat in Bergedorf - wohl aus Carrara-Marmor.

 

„Das Verdorbene und das Schöne“ von Dorothee Baer-Bogenschütz, Kunstzeitung

Nicht von ungefähr ist Jägers bevorzugtes Material Marmor. Ihm attestiert Norbert Jäger „am meisten Innenleben und Charakter“. Folgerichtig lässt er sich die Maße und den Charakter seiner Skulpturen häufig vom Stein und dessen Anmut diktieren, zumindest aber nahe legen. Bisweilen klingt im rohen Material die künstlerisch gültige Form bereits an, und Jägers Eingriffe sind minimal. Wie Michelangelo oder Henry Moore sucht er in den Marmorbrüchen von Carrara diejenigen Quader eigenhändig aus, die seinen bildnerischen Absichten entsprechen. Die überlieferten Gattungen rundplastischer Praxis sind für ihn als Transmitter wesentlich. Stele, Torso, Paardarstellungen und Einzelfiguren arbeitet Norbert Jäger in der Absicht, dass „sich der Betrachter berührt fühlt“.
Aus historischer Kontinuität heraus entwickelt er seinen produktionstechnischen Ansatz, doch der gesellschaftlichen Realität widmet er seine Inhalte. Mit Blick auf die antike Mythologie und ihre einleuchtenden Geschichten, die die Funktion eines Spiegels der Wirklichkeit wahrnahmen, strebt Norbert Jäger bei seinen Figuren ebenfalls Beredsamkeit an.
Dabei möchte der Steinbildhauer „nicht nur das Verdorbene der Gesellschaft,
sondern auch das Schöne“ akzentuieren. Was freilich nicht bedeutet, dass er die Dissonanzen des Denkens im 21. Jahrhundert ausspart.
Mit der bewussten Zusammenführung des Heterogenen reflektiert Jäger seine Sicht der ideologisch gespaltenen und nach einer neuen Mitte suchenden Welt. Sein Anspruch ist kein geringerer als die sparten- und grenzübergreifende Kulturkritik. Dabei erlaubt er sich bei aller archaischen Schlichtheit mitunter verhaltenes Pathos. Individuelles Empfinden und soziophysische Strömungen bestimmen seinen existenziell ausgerichteten Skulpturbegriff und seine bildhauerische Phantasie ebenso wie die bildnerischen Wirkungsformen der abendländlichen Überlieferungen.

Jägers Bildhauerkunst, ihre Denk- und Anschauungsmuster, sind so traditionsbewusst wie tagesaktuell.




Professor Dr. Heinz-Rudi Brunner, Heidelberg

...“Norbert Jäger zeigt Skulpturen von dichter Atmosphäre, innerer Ruhe, Beseelung des Ausdrucks und geistiger Versenkung ohne jede aufgesetzte Exaltiertheit. Er entrückt seine Themen dabei jeder platten Volkstümlichkeit und gibt den Stücken einen hohen statuarischen Eigenwert. Spürbar bleibt die nicht übertriebene Ausstattung mit bildnerischer Avantgarde Kreativität und damit erreicht der junge Künstler für mich eine Ehrlichkeit, die starke Individualität markiert. Wir spüren zudem den Respekt, den er seinem Ausgangsmaterial entgegen bringt, das sich ihm im Schaffensprozess wiedersetzt und logischerweise Beharrlichkeit in Betonung und Ausnutzung des Blockes herausfordert. Freiheit und Individualität in der schöpferischen Interpretation einerseits sowie die schon genannte beseelte Ruhe der Ausstrahlung andererseits münden in eine gut balancierte Spannungskorrespondenz von ästhetischer Wirkkraft und Aussage.



Hamburg / Bergedorfer Zeitung, Christina Rückert

In seiner Heimat ist er ein “Promi”, ein Künstler mit gutem Namen, der Erfinder und Organisator der “Art-Tage” im Schloss Babenhausen. ... Der renommierte Bildhauer, der 1985 den Bundespreis für Bildhauerei erhielt und mehrfach im Ausland arbeitete, hat große Pläne. Er plant den Aufbau eines “Skulpturenparks” irgendwo im ländlichen Bereich von Hamburg. Der Park könnte ein zusätzliches Ausflugsziel werden, ein Kunstort der Begegnung”, sagt Jäger. Künstler aus der Region aber auch von weiter her sollen in dem Park ihre Skulpturen ausstellen und verkaufen können. Sein Atelier soll zudem offen für Workshops sein. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg. ... (die SkulpturenLandschaft wurde am 7. 9. 2003 eröffnet)



Main-Echo Aschaffenburg, Anneliese Euler

...Einen Glanzpunkt in dieser Ausstellung setzt der 1965 in Aschaffenburg geborene Steinbildhauer Norbert Jäger. Die vorwärtsstürmende Schönheit seiner Marmorskulptur entfaltet durch den Gegensatz des edel polierten Leibes im Vordergrund und des körnigen, in schmalen Schwingen gearbeiteten Materials eine eigenwillige Poesie. Doch sofort geht ein harter Riss durch die Darstellung. Die glatte Büste, die sich hell und ausgebildet darstellt, findet sich am Ende des Schwungs noch roh und unbehandelt wieder. Doch dazwischen liegt, in parallelen Linien, durch tiefe Abgründe durchbrochen, ein großes Einverständnis mit dem Rhythmus einer unvergänglichen Harmonie.


Berliner Morgenpost, Volker Kring

Norbert Jägers Skulpturen leben von Gegensätzen. In seinen Werken findet sich Organisches neben Architektonischem, Ursprüngliches und Natürliches neben Künstlichem und Gestaltetem. ... Die Form, die Jäger dem Marmor gibt, entsteht aus dem Charakter des Materials und der Umgebung. Die Inspiration entspringt dem zu bearbeitenden Stein. “Es gibt  eine Art Korrespondenz zwischen mir und dem Marmor, bis die Figur im Material ist. Man darf dem Stein keine Idee aufdrücken, das zerstört ihn”


Österreich, Unterkärntner Nachrichten

...Der bereits international bekannte Künstler Norbert Jäger bestach durch die konzentrierte Atmosphäre, Ausgeglichenheit und Verinnerlichung seiner Skulpturen. Jägers Werke sollten mit Auge und Hand erfühlt und studiert werden, denn so der Künstler: “Es ist nicht nur Stein”. Zahlreiche Arbeiten Jägers befinden sich in privaten Sammlungen - unter anderem bei Elton John - in öffentlichen Gebäuden und anderen Institutionen.


Münchner Merkur, Christa Schaefer

...Mit genialem Geschick die natürlichen Maserungen und Färbungen des Steins in die Inspiration einbeziehend, entstehen ausdrucksstarke ästhetische Formen. Das Einswerden im Kuss und in der gemeinsamen Besinnung führt zum Verschmelzen zweier Körper, das kristalline Gestein gewinnt an Leben und drückt eingeflossene Gefühle aus. Ein Torso nach antikem Vorbild ist Inbegriff von Perfektion und Ästhetik. Spannung und Hinweise auf mögliche Entwicklungen entstehen, indem der begabte Bildhauer noch unbehauenes Material dem angefeilten Körper in Perfektion gegenüber stellt. Man möchte alles berühren und die sinnliche Erfahrung mit dem Künstler teilen.


Hanauer Anzeiger, Werner Kurz

...Dem Thema Bildhauerei etwas abzugewinnen, bedarf es eines hohen Maßes an Symbolik. Jägers Büsten in Käfigen aus Moniereisen, seine Stadt als Labyrinthisches Relief, zeigen einen durchaus kritischen Ansatz. Ist der Mensch nicht gefangen in den Strukturen der Stadt? Ist die Stadt als Lebensbaum und das Laben in ihr als Daseinsform nicht automatisch von Zwängen diktiert, denen man nicht entkommen kann? Mit einfachen Mitteln hat Jäger die Aktualität des Themas aufgespürt und umgesetzt, eine Aktualität, welche die Ausstellung über weite Strecken vermissen lässt, weil nämlich eines fehlt im Blick der Simplicius-Künstler auf die Stadt: der Mensch.



NatürRäume und ArchiSkulpturen von Dr. Volker Probst, Barlach-Museen, Güstrow

Zu den Skulpturen und Installationen von Norbert Jäger / Einführung, Katalog


„Vor meinem väterlichen Geburtshause, dicht neben der Eingangstür in dasselbe, liegt ein großer achteckiger Stein von der Gestalt eines sehr in die Länge gezogenen Würfels. Seine Seitenflächen sind roh ausgehauen, seine obere Fläche aber ist von dem vielen Sitzen so fein und glatt geworden, als wäre sie mit der kunstreichsten Glasur überzogen. Der Stein ist sehr alt, und niemand erinnert sich, von einer Zeit gehört zu haben, wann er gelegt worden sei.“

Adalbert Stifter, Granit, 1852

Der Bildhauer Norbert Jäger arbeitet in unterschiedlichen Materialien: Holz, Stein – Marmor und Granit sind seine bevorzugten Werkstoffe. Wobei der Granit zu den ältesten geologischen Gesteinen gehört. Seine Färbung variiert vom Grau zu Schwarz, es gibt rötliche und grünliche Sorten. Allen gemeinsam ist ihre große Härte. Der Widerstand, den das Material dem Bildhauer entgegensetzt, kann je nach Härte des Materials beträchtlich sein und ist ein nicht zu unterschätzender Faktor im Schaffensprozeß. Dies stellt besondere Anforderungen an den Bildhauer Jäger, denn er kommt dem Stein – meist Findlinge unterschiedlicher Größe – nur mit stahlhartem Werkzeug, handwerklichem Können, Ausdauer und Geschick wirklich nahe. Dabei muß er sich auf jeden einzelnen Stein neu einlassen, gewissermaßen dessen ‚Stein-Natur’ folgen, ähnlich wie bei der künstlerischen Holzarbeit, wo nur der Bildhauer zu einem überzeugenden Resultat gelangt, der dem ‚Weg des Holzes’ folgt.

Die Härte des Materials korrespondiert mit dem Phänomen der Zeit, denn der Granit, aber auch der weichere Marmor scheint unzerstörbar zu sein. Der Dichter Albert Stifter hat diese Eigenschaft des Granits in seiner gleichnamigen Erzählung als Gleichnis für die menschliche Generationenfolge genommen; auch sie hat über endlose Zeiten dem Stein nur einen Hauch von Substanz abringen können. Der Bildhauer Jäger geht anders zu Werk. Mit dem Meißel und Hammer, aber auch mit technischen Hilfsmitteln, reduziert er den Veränderungsprozess auf einen Bruchteil der Ewigkeit und setzt diese Zeitspanne zum Menschenleben in ein vorstellbares Verhältnis.

Der Bildhauer ist auch immer Schöpfer und Menschenbildner gleichermaßen, der den antiken Mythos mit christlichen Vorstellungen vereint. Ein Vorgang, den der Bildhauer jedes Mal von neuem als Ritual gegen die Vergänglichkeit der Welt vollzieht. Jäger ist als Bildhauer ein sculpteur, d. h. er trägt Material vom Stein, vom Holz ab und steht in gewisser Hinsicht im Gegensatz zur Darstellung des im Neuen Testaments überlieferten christlichen Schöpfungsberichts, nach dem Gott den Menschen aus Ton nach seinem Bilde schuf. Jägers im Stein kauernde und liegende Gestalten können zunächst auch als Chimären oder embryonale Wesen verstanden werden. Hier sind die Menschenbilder gewissermaßen als platonische Idee vorgestaltet, die dem Bildhauer als dem Schöpfer vorschweben und die er Kraft seines künstlerischen Genies zu Gestalt und Leben erweckt.

Norbert Jägers Installationen „Communicare – ArchiSkulpturen und NaturRäume“, die er für die Evangelische Kirche Maria am Weinberg im westfälischen Warburg konzipiert hat, sind ein komplexes Gesamtkunstwerk. Subtile Beziehungsgeflechte führen die fünf großen Werkgruppen zueinander und exemplifizieren das große Thema des aufeinander bezogen seins in den Steinsetzungen und Steinhängungen. Der Künstler hat in seinem Werk auf den Raum zu reagieren. Und der Raum reagiert auf ihn, weil durch die Installationen eine neue Raumqualität bewirkt wird – jedoch handelt es sich weiterhin um einen sakralen Raum, der auch während der Präsentation als solcher genutzt wird. Der Besucher tritt aus dem profanen Raum seiner Alltagswelt in den sakralen Raum ein und vollzieht eine innere Wandlung, wie uns der Religionsanthropologe Mircea Eliade lehrt. Durch den Übergang in den sakralen Raum erfährt der Eintretende eine Veränderung und für die Dauer des Verweilens gelten andere Gesetze.

Norbert Jäger verändert in einer Art Metamorphose das Hauptschiff der Kirche und konstituiert einen neuen Raum, den man im Gegensatz zu sakral (christlich) nun profan (heidnisch) nennen könnte. Die Sicht auf den barocken Hauptaltar ist durch weiße hängende Tücher versperrt. Das Tafelbild „Großer schwebender Stein“ zeigt das Hauptmotiv der Installation: ein grauer Stein mit quadratischem Durchbruch, dessen innen liegende Wände vergoldet sind. Sechs Steine „Communicare 1-6“ hängen vom Gewölbe des Hauptschiffes herab und bilden eine metaphysische Zwischenebene, die aus der negativen und positiven Form lebt. Findlinge unterschiedlicher Größe und Färbung schweben über der am Boden errichteten Installation „Gespalten“: sechzehn gespaltene Granitsteine führen in einer etwa zehn Meter langen Linie auf das große Tafelbild zu. Diese Reihe gespaltener und dann aufgeklappter Findlinge in aufsteigender Größe ortet den nach Osten gerichteten Raum ein weiteres Mal. Wir werden erinnert an die neolithischen Steinsetzungen, die unsere Vorväter auf verschiedene Himmelskörper im Jahresrhythmus ausrichteten. Sie hofften, so in Beziehung zu treten zu den geheimen Kräften der Natur und des Universums. Im 20. Jh. hat die land art eines Richard Long, Walter de Maria, Michael Heizer oder Hannsjörg Voth in z. T. gigantischen Projekten den prähistorischen sakralen Eingriff in die Natur erneut zum Thema gemacht. Auch Norbert Jäger hat land art-Installationen für den Außenraum realisiert und verlegt eine solche mit der Arbeit „Gespalten“ in den Innenraum.

Die schwebende Figur als autonome Plastik ist eine Erfindung des 20. Jh. Zwar kennen wir vor allem aus dem nord- und mitteldeutschen Raum die schwebenden Taufengel. Aber erst der Bildhauer Ernst Barlach hat in seinem „Güstrower Ehrenmal“ von 1927 eine überlebensgroße Bronzeplastik in den Zustand zeitlosen Schwebens erhoben. Diese androgyne Gestalt mit geschlossenen Augen hat eine innere Monumentalität, die bis heute unerreicht scheint. Norbert Jäger hat sich mit dieser Fragestellung, mit dieser Thematik seit etlichen Jahren befasst. Anders als Barlach, der seinen Schwebenden für einen gotischen Innenraum des Doms zu Güstrow entwarf, hat Jäger die Installation des Schwebens unabhängig von Architektur entwickelt: In Stahlkonstruktionen, die einen Würfel oder Quader beschreiben, hängt er Findlinge ein, ein Naturmaterial, das die eiszeitlichen Gletschermassen aus dem skandinavischen Norden in die norddeutsche Ebene geschoben haben. Jägers Konstruktionen können mehrere Tonnen wiegen und vermitteln dennoch einen schwerelosen Eindruck. Ein Beispiel von dieser Art der Schwerelosigkeit gibt die Reihe „Kleiner Schwebender“ – I, III, IIII und V –, die links neben dem Chor im Seitenschiff gruppiert ist.

Links neben dem Eingang wird der Eintretende vom „Großen Schwebenden“ begrüßt. Aus einem zentnerschweren Findling schält sich eine anthropomorphe Form heraus. Die Menschengestalt ist in einer Art von Keimform noch embryonal gefangen, trägt aber bereits ihr charakteristisches Aussehen. Bei Jägers Bearbeitung der Findlinge bildet die Oberflächengestaltung der figurativen Form immer einen Gegensatz zum Material: entweder ist die Figur poliert und der Stein roh in unterschiedlichen Graden bearbeitet oder umgekehrt. Figuren wachsen aus dem Stein heraus, sie erscheinen gewissermaßen wie Schatten im Stein, ein künstlerischer Gestaltungsansatz, den wir schon bei Michelangelo finden (Sklaven-Figuren). Im 20. Jh. haben Auguste Rodin und seine tragisch endende Schülerin und Geliebte Camille Claudel dieses Gestaltungsprinzip neben dem Torso als vollendetes Werk in die Bildhauerei eingeführt. Wie ein Schatten an der Wand reflektiert bei dieser Installation des „Großen Schwebenden“ ein Gemälde mit dem gleichen Motiv diese im Werden begriffene Gestalt nochmals. Hier verweist uns der Bildhauer Jäger erneut auf Platons Höhlengleichnis, ins Reich der Ideen, dorthin, wo alle Gestalten angelegt sind. Die Dinge unserer Sinneswahrnehmung existieren in der Welt der Ideen als Ur- und Vorbilder. Erst im lebensfähigen Zustand treten sie heraus in den Raum. In dieser zweiteiligen Installation des „Großen Schwebenden“ hat Jäger nicht nur das Werden der Menschengestalt, sondern zugleich auch das Vergehen als ein memento mori mit gestaltet. In der weitgehenden Abwesenheit der menschlichen Gestalt und ihrem Bezug zur Natur, ein Hauptthema Jägers, wird der Lebenslauf zu einem Gleichnis, unabhängig von Religion oder Weltanschauung. Das Werden und Vergehen als Grundtatsache des Lebens findet in Jägers Installation des Schwebenden eine Materialisation, deren Symbolcharakter gleichnishaft ist.

Hier begegnen wir auch dem Kardinalthema, das das Werk Jägers der vergangenen Jahre ganz wesentlich bestimmt: die menschliche Figur. Zunächst als Umriß aufgefasst, der die anthropomorphe Form auf wenige Merkmale reduziert, die wir aber auf den ersten Blick als Menschengestalten erkennen. Als Chiffre in unterschiedlichen Kontexten können Jägers Menschengestalten mitunter tatsächlich zu symbolträchtigen Zeichen werden. Als konkave Form in das Material eingeschnitten oder konvex aus ihm herausgearbeitet entstehen mitunter passgenaue Formen.

Im farblichen Gegensatz ist das Prinzip von Communicare enthalten, wenn auch antagonistisch. In den beiden Seitenschiffen stehen sich zwei Installationen gegenüber, in denen Jäger von der äußeren Gestalt die Form des Altars und die mittelalterliche Tafelmalerei aufgreift. Bei beiden wird eine Granit- bzw. Marmorplatte auf einem Sockel liegend präsentiert. Die Oberfläche gleicht einer Ebene, deren genaue Topographie dem Betrachter unbekannt bleibt. Tiefe Einschnitte durchziehen die leicht wellige Landschaft und verweisen im doppelten Sinne auf die Verletzungen in der Natur und auf die Einschnitte im Verlaufe eines Menschenlebens. An der Wand entfalten sich beim „Schwarzen Feld“ ein Triptychon, beim „Weißen Feld“ ein Diptychon, also tradierte Formen der Altargemälde. In der schwarzen Landschaft ist ein ganz bestimmter Ort ausgezeichnet, auf den korrespondierenden Tafelbildern finden sich diese Stellen wie in einem Koordinatensystem unbekannter Topographie jeweils wieder, in 24karat Blattgold, auch dies ein Hinweis auf die sakrale Kunst des Mittelalters. Jäger zeichnet damit einen bestimmten Ort aus, der jedoch namenlos ist und sich einer genauen örtlichen Bestimmbarkeit entzieht.

Norbert Jägers Kunst ist keine laute, aufdringliche Kunst. Hierin unterscheidet sie sich gravierend von manchen flüchtigen Erscheinungen des zeitgenössischen Kunstbetriebs und des Feuilletons, die auf dem „Jahrmarkt der Eitelkeiten“ (William Thackeray) auf sich aufmerksam machen wollen. Was uns in Jägers Werk begegnet ist das Ursprüngliche im Material und das Archaische in der Form. Beides verweist uns zurück auf uns selbst und auf die Fragen: Was bedeutet Leben? Welche Beziehung haben wir zur Natur, zu unserer Umwelt, zu anderen Menschen? Obwohl Jägers Steine, Steinsetzungen und Installationen keine Meditationssteine sind oder sein wollen, so bieten seine Werke dennoch die Möglichkeit der Kontemplation, d. h. der Versenkung, eben das zeitweise Heraustreten aus dem profanen Alltag. Wenn wir uns öffnen für die Kunst Norbert Jägers, so gelangen wir hinein in einen Raum des heiteren Schweigens, denn was „in der Zukunft ... nötiger sein wird als je, ist, daß der einzelne Mensch einen Raum um sich schafft, der ihn von der äußeren Welt isoliert: einen Raum der Stille, der Ruhe, des Friedens, der Liebe, der Erinnerung.“ (Erwin Chargaff, Kritik der Zukunft):